Demokratische Öffentlichkeit in einem selbstbestimmten digitalen Ökosystem.

Beyond Platforms auf der MEDIA CONVENTION hat ein grobes Bild eines Neuanfangs jenseits der großen Plattformen skizziert. Jetzt ist es an der Zeit, erste Schritte zu einer Umsetzung zu machen. Deshalb als Start ein Überblick zum Hintergrund, Anlass, Herausforderung, Ziel, Ansatz und Workshop sowie den (ersten) Akteuren.

Hintergrund

In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich alles, was wir bisher Öffentlichkeit nannten, dramatisch verändert. Mediennutzung, Medienproduktion und vor allem die Medienverbreitung sind heute radikal verändert. Die Plattformen verfolgen das Ziel, Nutzer*innen möglichst lange zu binden, um Aufmerksamkeit durch Werbung zu monetarisieren. Dies führt zu neuen Regeln der Informationsverbreitung: während Informationen einst rar und wichtig waren bieten uns die Plattformen nun eine unendliche Fülle an beliebigen Themen an – Fake News, Verschwörungstherorien und Hate Speech inklusive – sortiert nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, die Engagement und emotionale Erregtheit vor Substanz stellen.

Diese neue Logik ist eine existentielle Gefahr für die demokratische Gesellschaft: mit massiven Auswirkungen auf die Psyche der Bürger*innen und Tendenzen zur Radikalisierung und Polarisierung. Diesen Druck spüren auch Medienanbieter und so werden z.B. gesellschaftlich relevante Themen journalistisch häufig nur noch repräsentiert, indem sie den Logiken der Plattformen folgen. Aber selbst das wird zunehmend problematischer, denn gewisse Themen lassen sich so nicht transportieren und die Medien selbst werden Opfer der Radikalisierungs- und Polarisierungsfalle indem sie sich den Feedback-Loops der Plattformen unterwerfen.

Wir als Gesellschaft müssen lernen mit dieser Informationsflut umzugehen und neue Wege für die Verbreitung von medialen Inhalten schaffen, die nicht dem wirtschaftlichen Gutdünken und der Kontrolle der US-Konzerne unterworfen sind.

Anlass

2018 war das Ende vom Anfang. Die Netflix-Dominanz hat zu tektonischen Verschiebungen in der Medienbranche geführt: Disney übernimmt 20th Century Fox und startet dieses Jahr Disney+, einen Streaming-Service, der alle Inhalte im Abo direkt vertreibt. AT&T und Comcast investieren ebenfalls Milliarden in die Übernahmen von Time Warner und Sky. Spätestens mit diesen Entscheidungen gibt es kein zurück mehr: Digital ist die Zukunft und es gilt, zu handeln und zu investieren. 2018 war zudem kein gutes Jahr für YouTube, Instagram und Facebook und alle, die in ihrer Strategie auf diese Plattformen gesetzt haben. Die Skandale, Verfehlungen und Probleme hatten nicht nur Auswirkungen auf das Image der Tech-Konzerne, sondern auch auf Produzenten und Medienunternehmen, die zwischen den Fronten zerrieben und instrumentalisiert wurden.

Herausforderung

Es gilt neue Wege zu finden. Die Bewegtbildbranche braucht Alternativen zu den großen Plattformen, muss sich über eigene Infrastruktur und Technologien Gedanken machen. Doch dazu braucht es frische Ideen und Ansätze, denn ein deutsches oder europäisches YouTube, Netflix oder Facebook ist keine Lösung. Aber wie kann dann eine Lösung aussehen, die am Markt bestehen kann? Welche Ansätze gibt es jenseits der Plattformen? „Beyond Platforms: Public Media Services“ erzählt die Geschichte einer selbstbestimmten Zukunft der Bewegtbildbranche.

Wenn wir die Organisation der Öffentlichkeit nicht den Plattformen überlassen wollen, müssen wir neue Formen der Verbreitung und damit der Infrastruktur entwickeln. Dazu werden wir öffentlich-rechtliche Medien und ihren Auftrag neu denken müssen. Wir werden aber auch völlig neue Formen der Kooperation zwischen öffentlich-rechtlichen Medien, öffentlichen Akteuren, Wirtschaft und (kommerziellen) Medienhäusern benötigen.

Ziel

Beyond Platforms Initiative strebt danach die Regeln für Medienkonsum im Internet neu zu verhandeln. Es gilt einen alternativen Zugang aufzubauen und eine eigene Medieninfrastruktur zu etablieren. Nur so gibt es langfristig eine Chance Social Networks und Plattformen zu einer Commodity werden zu lassen und damit ihre Machtposition zu brechen. Es geht dabei nicht um eine Imitation großer Social-Media-Networks. Stattdessen wollen wir an einem Mediensystem und damit an Medien Services arbeiten, die auf Standards, Interoperabilität und Dezentralität beruht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass es zuerst um Infrastruktur, Strukturen und die Technologie geht. Wir müssen die Verbreitung von Medien im Digitalen sicherstellen um den Wettbewerb wieder auf die inhaltliche Ebene zu holen.

Ansatz

Die Aufgabe ist enorm und es braucht viele Partner und Menschen, die teilnehmen, mitdenken und mitarbeiten. Um nicht an der Herausforderung zu verzweifeln gilt es sie in kleine Teile zu zerlegen, so dass diese eigenständig und eigenverantwortlich bearbeitet werden können. Zudem braucht es Zeit und Raum. Es geht also nicht darum einen Schnellschuss zu machen, sondern nachhaltig und sorgfältig zu agieren. Konkret bedeutet dies:

1. Definition der Public Media Services

Die Definition gibt einen äußeren Rahmen vor, der den Umfang definiert: Was ist Teil der Herausforderung und was nicht? Worüber reden wir? Eine erste Antwort darauf ist sicherlich, es geht um Technologie, Prozesse, Infrastruktur und Produkte – also um konkrete Umsetzungen und Ansätze. Wir möchten nicht noch ein Politik/Thesen-Papier produzieren.

2. Definition der Themenfelder

In einem ersten Wurf gilt es konkrete Themenfelder und Aufgaben zu definieren, die es zu bearbeiten gilt. Diese zeigen in der Summe, was alles zu leisten ist um einen Neuanfang Realität werden zu lassen. Allerdings wird diese Liste nicht umfassend und abschließend sein sondern über Zeit wachsen und sich entwickeln. Ein guter Start sind die Themenfelder: Werte, Infrastruktur, Inhalte/Geschäftsmodelle, Experience und Verbreitung. Jedes dieser Themenfelder kann sich teilen und weiter untergliedern, wenn sich herausstellt, dass es zu groß ist.

3. Partner, Verantwortliche und Kreative

Jedes Themenfeld braucht spezifische Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten. Mit der Zeit finden sich hoffentlich genügend Partner und Menschen, die bereit sind mitzuarbeiten und die Aufgaben zu bearbeiten.

4. Zeit, Raum und Iterationen.

Es wird mindestens sechs Iterationen brauchen bis Konzepte und Ansätze in den Themenfeldern und in der Gesamtheit einen belastbaren Reifegrad haben. Statt einen zeitlichen Rahmen geben wir lieber einen Prozess vor. Jedes Feld und auch die komplette Initiative zielt darauf mindestens sechs Iterationen zu durchlaufen.

Ein Neuanfang – der Workshop

Impressionen vom TV Hackday 2015

Auch ein Neuanfang braucht einen Anfang und der sieht wie folgt aus. Wir machen einen Workshop in dem wir den Plan und die Landschaft für eine Zukunft jenseits der Plattformen entwerfen.

In Vorbereitung darauf werden wir unsere Gedanken zum Thema hier (und bald auf einer eigenen Webseite) veröffentlichen und einerseits den Rahmen setzen und andererseits versuchen die Themenfelder zu konkretisieren. In den nächsten Wochen entstehen die folgenden Texte:

  • Ein Neuanfang (dieser Artikel)
  • Public Media Services: Metaphern und eine Operationalisierung
  • Die Herausforderung: Anforderungen an einen Neuanfang
  • Change the Game: Wir zerlegen Plattformen in ihre Bestandteile!
  • Gemeinsames Verständnis: Werte als Basis für den Neuanfang!
  • Infrastruktur: Protokolle & Standards statt Plattformen
  • Deutschland Pass: Netzwerk an Inhalten
  • UX: Erlebnisse statt Frickeln.
  • Direkte Zugänge und Audience Pooling

Workshop – Die Zukunft erleben

Der Workshop bildet im Spätsommer (KW 30/31) einen zweitägigen Auftakt in Berlin (Weitere Details, Anmeldung etc. folgen sobald die Location und das Datum stehen). Dort werden wir eine Zukunft entwerfen. Ziel ist es eine anschlussfähige Vision mit einem überzeugenden Narrativ zu erarbeiten, die breiter kommuniziert werden kann. Darüber hinaus sollen die konkreten Vorschläge allen beteiligten Akteuren, die Möglichkeit geben direkt im Anschluss auf die Vision hinzuarbeiten und weitere Stakeholder zu involvieren.

Konkret bedeutet dies, dass alle Teilnehmenden an einem großen Projekt arbeiten. Bereits im Vorfeld können alle sich anhand der Themenfelder einbringen bzw. weitere Themenfelder entwickeln und vorschlagen. So entstehen Ideen und Herausforderungen um daraus die verschiedenen Aufgaben zu definieren, die dann im Workshop adressiert und umgesetzt werden. Der Ablauf hierfür ist grob:

  1. Ein Neuanfang
    Ab heute arbeiten wir an den Themenfeldern. Feedback und weitere Vorschläge sind immer willkommen.
  2. Planen und Verteilen: 2-4  Wochen vor dem Event werden wir die Themenfelder mit dem Rahmen abgleichen und verschiedene kleinere Pakete und Aufgaben definieren, die dann beim Event umgesetzt werden können. Teilnehmende können sich dann auf diese Pakete bewerben.
  3. Umsetzen: Bearbeiten der verschiedenen Pakete während des Workshops. Im Verlauf des Events gibt es verschiedene Rollen:
    Stiching Teams: sind dafür verantwortlich die verschiedenen Teile zusammen zu bringen.
    Story Teams: sind für die gesamt Geschichte verantwortlich und dafür, dass diese bei der Präsentation für die Besucher erlebbar wird.
    Content/Business Teams: erstellen die Inhalte für das Zukunftsszenario.
    Design Teams: Gestalten die Experience.
    Buidling Teams: sind dafür verantwortlich, dass die neuen Technologien mit den Inhalten funktionieren und ausprobiert werden können. Das kann von Hardware, Infrastruktur über Services bis Software gehen.
  4. Geschichten erzählen: während des Workshops wird eine konkrete Show/Demo produziert, die es erlaubt auch nach dem Event Interessierten, die nicht anwesend waren, das Konzept näher zu bringen. So ist das Ergebnis nachhaltig und hallt idealerweise bis zum nächsten Event nach.

Planen: Nach dem Event ist vor dem Event. Beim Workshop gelingt uns hoffentlich eine erste Version des Neuanfangs. Diese gilt es dann in der nächsten Iteration zu verfeinern. Deshalb ist ein wichtiges Ergebnis des Events auch der Plan für der nächsten Iteration.


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